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Den Gefühlen Wort und Klang geben

Es steht schon immer eine Kindergitarre in seinem Zimmer. Die Gitarre ist falsch gestimmt. Das hat zur Folge, dass immer ein harmonischer Klang zu hören ist, egal, wo er seine Finger auf die Saiten legt und anschlägt. Ein Widerspruch? Überhaupt nicht – manchmal ist die Stimmung zwar falsch, eine Disharmonie aber bewirkt sie nicht unbedingt. Und überhaupt, wer macht die Regeln? Doch dann kommt ihm sein großer Bruder in die Quere, indem er die Gitarre korrekt stimmt und unabsichtlich dafür sorgt, dass der kleinere plötzlich nichts mehr spielen kann. Das Zimmer kann in einem Haus in Bremen verortet werden. Der große Bruder ist Flo Mega und folgerichtig ist Sebó der kleine, der mit „Alles was noch kommt“ soeben eindrucksvoll seine musikalische Visitenkarte abgegeben hat.

Rap und Townships

Das Gitarrespielen wird Sebó jedoch nicht vermiest. „Ich habe danach angefangen, mir das Gitarrespielen in einer ganz eigenen Technik beizubringen“, lacht er inzwischen darüber, „aber ich weiß bis heute nicht, wie die Akkorde benannt werden. Ich spiele alles nach Gehör und so, wie die Finger es hinkriegen.“ Das macht er flink und verdammt gut. Doch flink und scharf ist auch seine Zunge. Auch über mangelnde Körperbeherrschung muss sich Sebó nicht beklagen. So landet er schließlich bei Rap und Breakdance. Twice As Nice nennt sich seine Crew. Irgendwann kreuzt die Lehrerin Anne Schmeckies aus Bremerhaven den Weg der Truppe. Sie ist der festen Überzeugung, dass jeder vom jeweils anderen etwas lernen kann und sie entwickelt das Projekt Each One Teach One. „Alle in der Twice As Nice-Crew wussten um ihre Fähigkeiten, aber genau so heiß waren DJ Phax und ich, Neues zu lernen“, erinnert sich Sebó, „aufgrund von Annes Kontakten und der vielen Projekte, in die sie involviert war, reisten wir auch ein erstes Mal ins Ausland – nach Italien zu einem Antirassismusfestival.“ Wenn Rap-Communities Kontakt zueinander aufnehmen, wird daraus schnell ein großes, aktives Netzwerk. Dabei wächst die Zahl der Netzknoten stetig. „Einer dieser Knoten war plötzlich einer in Kapstadt“, sagt Sebó, „so war es möglich, auch dorthin zu fliegen, eine Tour durch die Townships zu machen und dort gemeinsam mit den Südafrikanern zu performen. Seitdem übt das Reisen eine ganz große Faszination auf mich aus und der kreative Austausch hat für mich höchsten Stellenwert.“

Loggbuch des Lebens

Nach vielen Reisen, die knapp fünf Jahre andauern und nicht nur nach Südafrika, sondern auch nach Indien oder Sibirien führen, trägt Sebó ein Loggbuch des Lebens mit sich. Eins, das vor Geschichten geradezu überbordet. Große Geschichten sind dort genau so zu lesen, wie die kleinen am Rande. Die bewussten und die zufälligen. Tausend Blickwinkel haben sich geöffnet. Und die ganze Vielfalt dieses Lebens ist auf Sebó niedergeprasselt. Und dann ist da noch das Hier und Jetzt. Schließlich ist der Musiker seit sechs Jahren in Hamburg sesshaft. Das Heute wird so zusätzlich vom Vergangenen und Erinnertem überlagert und blickt in die Zukunft. „Deshalb heißt die Platte ja auch ‚Alles was noch kommt’“, lächelt Sebó. Die Reichhaltigkeit und Verschiedenartigkeit der Eindrücke muss er erstmal in den Griff kriegen. „Doch auch dabei ist die Reiseerfahrung hilfreich“, erklärt Sebó, „denn die angesprochenen tausend Blickwinkel zwingen mich gleichzeitig dazu, den Blick für das Wesentliche der Geschichten und der dahinter liegenden Gefühle zu schärfen.“ Sebó kann sich dabei regelrecht festbeißen. Er hat die Fähigkeiten, mit seinem facettenreichen, soulig gefärbten Timbre und den perlenden Gitarrentönen, größten Gefühlen klaren Ausdruck in Wort und Klang zu verleihen. Dabei balanciert er das große Ganze, das gesagt werden muss mit den winzigen Details aufs Feinste aus. Seine Lieder, mit ihren seelentiefen, deutschen Texten, bewegen sich zwischen kontemplativer Versenkung und expressiver Hochspannung. „Ich schreibe immer auf zwei Ebenen gleichzeitig“, reflektiert Sebó den Entstehungsprozess, „auf der des Textes und auf der des Klangs. Beide erzählen die gleiche Geschichte. Doch müssen sie auch losgelöst voneinander funktionieren. Und erst gemeinsam explodieren sie dann, wie eine Feuerwerksbatterie. Schillernd, funkelnd und in hunderten von Farben.“

Der Rapper als Singer/Songwriter

Vom Rappen hat sich Sebó nie wirklich entfernt. Aber er hat dieser künstlerischen Ader eine weitere Facette hinzugefügt und sich zu einem furiosen Singer/Songwriter gemausert. „Meine Stimme hat irgendwann weitaus mehr transportiert, als gerappte Sätze“, bekennt sich Sebó zum Wandel seines künstlerischen Ansatzes, „aber geblieben sind die Haltung des Rap und seine kreativen Möglichkeiten, etwa der Wortwitz, die wuchernde Energie und der Fluss und die Durchschlagskraft des Gesagten. Wenn du mal gerappt hast, bleibt das auch immer ein Teil von dir. Wenn dann mal ein Lied geradezu nach einem Rap-Teil schreit, dann habe ich das drauf und muss mir nicht aufwendig ein Feature an Land ziehen.“ Genau das entfaltet sich bei jedem Stück. Egal, ob es leise Töne anschlägt oder lautere. Die ansteckende und mitreißende Energie ist in jedem Augenblick physisch spürbar. Der Hörer fühlt, wie famos Sebós Klänge in der Lage sind, jeden Raum mit magisch anmutender Atmosphäre randvoll aufzuladen. Wer dazu einen ohren- und augenfälligen Beweis braucht, der möge sich das Video anschauen, als Sebó bei Inas Nacht sein Stück „So Weit So Gut“ nach allen Regeln der Kunst geradezu zelebriert (www.youtube.com/watch?v=8mlr0eHoK9k) und Ina Müller ihm attestiert, dass sie dieses Lied zuhause immer so richtig laut mitgrölt. Und zwar in Schleife. Ein wichtiger Grund für diese Wirkung liegt auch darin, wie Sebó mit seinen Mitmusikern umgeht. Er ist keiner, der im eigenen Saft schmort. „Wenn ich keinen Bock mehr habe, nur mich selber auf der Gitarre zu hören, dann brauche ich Kollegen zum Austausch“, daran lässt Sebó keinen Zweifel, „George Brenner etwa, meinen Produzenten. Oder meine anderen Musiker.“ Sebó weiß einfach zu genau, dass Musik etwas ist, was es zu teilen gilt. Erst mit sich selbst, dann mit anderen Kreativen und zum Schluss mit dem Publikum. Und jedes Mal werden die Stücke mit einem weiteren Quantum Energie aufgeladen. Solange bis die Lieder und Sebó lichterloh brennen. So, wie auf dem Album „Alles was noch kommt.“

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